Das reiche Licht

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s how the light gets in.

 

Leonard Cohen

Menachem Mendel von Rymanow war ein großer Beter. Das Gebet wird der Dienst des Herzens genannt und Rabbi Elimelech hatte diesem Schüler die Kraft seines Herzens hinterlassen. Es verhielt sich mit ihm so, dass er nicht bloß zu bestimmten Zeiten betete; vielmehr betete er, wie er atmete. Er betete in Worten und ohne alle Worte. Wenn er in Worten betete, mischte er in die überlieferten Sätze Anreden, wie sie ihm eben das Herz zu den Lippen trug. Dazwischen rief er auch ein Liebeswort, denen ähnlich, die man die Bauernmädchen rufen hört, wenn sie mit ihrem Liebsten zum Jahrmarkt gehen und von den Burschen ein bunt gesticktes Band geschenkt bekommen wollen; aber er wollte nichts geschenkt bekommen.

 

Chassidische Legende

Nurit Stark, Viola
Cédric Pescia, Klavier

Ernest Bloch (1880 - 1959), Violinsonate Nr. 2 „Poème mystique“

In einem 1899 verfassten Brief meinte der Schweizer Komponist Ernest Bloch, dass er „weder Gläubiger noch Atheist“ sei und sich, einer jüdischen Familie aus Genf entstammend, nicht streng an eine Religion gebunden fühle. Blochs „Poème mystique“, mit dem unser Festival heuer eröffnet, spricht indes eine andere Sprache und klingt ganz anders, als diese Aussagen vermuten lassen. Blickt man in Blochs Werkverzeichnis, tauchen immer wieder Titel auf, die unmittelbar und ganz explizit auf religiöse jüdische Themen, Legenden und Praktiken Bezug nehmen: So hat der Komponist dem großen charismatischen Mystiker Baal Schem Tov (1700 - 1760), der die mystische Tradition des Chassidismus begründete, ein musikalisches Porträt gewidmet. Im Chassidismus kommt der Musik, die nach mystischer Anschauung einen göttlichen Ursprung hat, eine zentrale Bedeutung zu. Gesangsmelodien (niggun) wurden teilweise sogar höher gewertet als gesprochene Gebete. Und so sprachen die Chassidim dem Zaddik (dem Gerechten) die Fähigkeit zu, durch Gesang die Seele eines Menschen auszuloten und sie in eine höhere Existenzebene zu versetzen.

Ernest Bloch hat sich in seinen bekanntesten Werken vom liturgischen Synagogalgesang und jüdischer Volksmusik inspirieren lassen. Sein Anliegen war dabei jedoch nicht, diese musikalischen Quellen wie ein Archäologe zu rekonstruieren, sondern ihrer Spiritualität in verdichteter Gestalt, wie einem Herzschlag, nachzuspüren. In seiner Klangsprache war Bloch von der Spätromantik und der Neoklassik geprägt; er wusste aber immer wieder auf sensible und suggestive Weise Elemente aus anderen Musikkulturen zu integrieren – so auch in diesem Stück, in dem er parallele Quinten beinah exzessiv einsetzt: Die Verwendung dieser Intervalle und der Pentatonik galt damals geradezu als Signatur spekulativer Exotik und orientalischer Musik. Als Künstlerpersönlichkeit mit Eigensinn verbindet Bloch stilistische Vielschichtigkeit mit berührender emotionaler Tiefe und weiß immer wieder unerwartete musikalische Volten zu schlagen. Er unterläuft dann auch das Klischee des an seiner Motivik vermeintlich erkennbaren jüdischen Komponisten, wenn zur Mitte des „Poème mystique“ die Violine in einer nachdenklichen und überraschenden Wendung einen gregorianischen Choral („Credo in Unum Deum“) anstimmt. So ist Blochs Credo auch das eines offenen spirituellen Raums, in dem alle Suchenden Platz finden: „the world of which we dream, a world full of idealism, faith, fervor and hope“.

Donnerstag, 2. Mai 2019  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 19:30 Uhr
Das reiche Licht